wie bereits im letzten Jahr, möchte ich mich auch in diesem Herbst, der ja nun ( meteorologisch) recht weit fortgeschritten ist, mit dem anstehenden Winter befassen. Es sei vorweg geschickt, dass es sich hierbei lediglich um eine erste Einschätzung ( weitere können folgen!) und nicht um eine Prognose handelt. Das versteht sich eigentlich von selbst, denn über einen so großen Zeitraum lässt sich nichts vorhersagen. Auch eine bestimmte Zeitung ist nicht dazu in der Lage. Gebetsmühlenartig wird hier bekanntlich jedes Jahr aufs Neue der " Horrorwinter" ausgerufen- mit sehr interessanten Aussagen wie " Es wird kalt und es gibt viel Schnee." Eigentlich haben sie damit sogar Recht, denn man geht ganz bewusst nichr präzise darauf ein. Sicherlich ist es auf regionaler Ebene kalt und es gibt viel Schnee- da gibt es die Alpen... Mittelgebirge. Was man von so etwas halten soll, weiß sicherlich jeder selbst ganz gut.
Aber kommen wir nun auf das eigentliche Thema zu sprechen.
Bekanntlich war der vergangene europäische Winter mit kleinen Ausnahmen im Bereich seiner letzten Wochen ( Mitte Februar) ein regelrechter Schuss in den Ofen. Wie in Wintern der milderen Sorte üblich, handelte es sich zumeist um windige und regnerische Witterung, die ganz klar im Zeichen einer stark ausgeprägten, ja regelrecht lehrbuchartigen Westwinddrift stand. Das Produkt dieser lebhaften Westdrift waren bekanntlich einige, teils markante Starkwindereignisse ( s. Andrea, 05.01.2012, Joachim: 16.12.2011). Vorangegangen war dieser Westwinddrift eine verhältnismäßig ruhige Phase im November- eine ausgeprägte Antizyklone über Nordrussland ließ den Atlantik regelrecht abprallen und bescherte uns einen trüben, aber doch recht frischen November ( teilweise gab es zur " Halbzeit" Eistage). Der Atlantik war regelrecht zugepflastert, es tat sich rein gar nichts.. das galt auch für Mitteleuropa. Gegen Ende des Monats dagegen drückte der Atlantik mehr und mehr dagegen- etliche Zyklogenesen führten dann dazu, dass das Hochdruckgebiet sich regelrecht verzog- die kalte, trübe Witterung war beendet- jetzt war es eher milde, trübe Witterung.. mit ersten winterlichen Sturmtiefs zum Dezemberbeginn. Diese Umstellung sollte sich als nachhaltig erweisen. Nur zwei Wochen später sah es dann aus wie im Bilderbuch: ein kräftiges Islandtief und ein vorhandenes Azorenhoch- die Westwinddrift schlechthin. Keine Chance für eine " Einwinterung"- allenfalls die Rückseiten wurden in den Hochlagen leicht winterlich gewertet, mehr war aber nicht möglich. Der Löwenanteil der tiefen Lagen Deutschlands sah bis Mitte Februar keine Schneedecke... und auch Mitte Februar handelte es sich allenfalls um ein paar vernachlässigbare Milimeter.
Der vergangene Winter 2011/2012 war ein klassischer La Nina-Winter. Insbesondere im Hochwinter sorgen Teleconnections dafür, dass die Westwinddrift deutlich auflebt- im Früh/Spätwinter gibt es jedoch teils gegenläufige Signale, die eher kühlend wirken. Im Frühwinter war dies nicht der Fall, im Spätwinter traf das dagegen sehr wohl zu ( s. Februar). Warmluftadvektion bis weit in den Norden auf dem Atlantik - Aufbau eines Blockinghochs- Einwinterung in Mitteleuropa. Das ganze stand aber im Zeichen eines Hochdruckgebietes, sodass es bei trockenkalten Luftmassen blieb. Schnee fiel- wenn überhaupt- in sehr geringen Mengen... und schon zur Monatsmitte war das ganze wieder passé. Um zu verdeutlichen, dass es sich hierbei um ein klares La Nina-Ereignis handelte, einmal folgende Grafik:

Wir sehen im äquatorialen Pazifik einen ausgeprägten Kaltwasserpool- La Nina. Im für uns eher relevanten Bereich stellen wir Anfang November 2011 eine teils deutlich zu warme Nordsee, zeitgleich aber auch negativ abweichende Werte im Bereich Neufundland- Westatlantik. Die Nordsee blieb bis weit in den Hochwinter hinein deutlich zu warm, kühlte dann erst mit der winterlichen Phase im Februar um einiges ab. La Nina blieb weiterhin klar und deutlich aktiv- die Westwinddrift auch ( mit der kurzen Pause Mitte Februar). Es ist klar, dass der NAOI ( Index der Nordatlantischen Oszillation) nahezu durchweg im positiven Bereich verharrte.
Kommen wir nun aber auf den gegenwärtigen Zustand zu sprechen. Im Bereich der SST-Anomalien sieht dies derzeit so aus:

Interessant sind hier die stark positiven Abweichungen vor Neufundland- und auch die fortgeschrittene Abkühlung der Nordsee sticht ins Auge, die ich ähnlich bisher nur im November 2005 vorfand. 2009 war die Nordsee auch im November noch positiv abweichend: im Pazifik herrschte El Nino. Auch vor den Britischen Inseln hat sich ein Kaltwasserpool etabliert. Im äquatorialen Pazifik haben wir keine Kaltwasseranomalie mehr, es weicht eher positiv ab- zurzeit haben wir neutrale Bedingungen, tendierend aber Richtung schwacher El Nino, der sich in diesem Winter etablieren wird. So deutlich wie es 2009/2010 der Fall war, wird es aber nicht kommen. Die La Nina- Bedingungen im vergangenen Dezember 2011 hatten hier und haben auch grundsätzlich einen intakten und „ gesunden“ Polarwirbel zur Folge. Anfällig für Splits also keineswegs, wie es 2009/2010 der Fall war. Da sich El Nino höchstwahrscheinlich über das gesamte Winterhalbjahr gesehen ( schwach) etablieren wird, ist von einem eher geschwächten Polarwirbel auszugehen oder sagen wir besser: anfälliger als im vergangenen Winterhalbjahr. Der Polarwirbel beeinflusst maßgeblich auch unsere europäische Witterung, da er mit der Westwinddrift zusammenhängt.
Interessant ist in diesem Jahr auch, dass der Index der Nordatlantischen Oszillation – mit kleineren Ausnahmen- nahezu durchweg im negativen Bereich verharrte. Zurzeit gibt es ein kleines Aufbäumen, kein Wunder: wir werden es in den kommenden Tagen mit einer zyklonalen Westlage zu tun bekommen.

Bisher verläuft dieser November aber konträr zum vergangenen, der sich – wie erwähnt- durch lange Hochdrucklagen mit – an meiner Station- zehn Frosttagen auszeichnete. In diesem Monat gab es bisher keinen einzigen und es sieht danach aus, als würde dieser Monat doch eher im Zeichen der Westwinddrift stehen- relativ kongruent zum November 2009, in dem auch zyklonale ( Süd)westlagen die Oberhand behielten. Die Arktische Oszillation, die eng im Zusammenhang mit der NAO steht wippte auf und ab, mal positiv, mal negativ... in letzter Zeit aber länger positiv. Nach einer positiven Phase geht es jedoch nun Richtung Monatsende teils deutlich bergab ( laut Prognosen, vgl. NAO).

Meist sind solche Sinkflüge oder eben das umgekehrte durchaus nachhaltig und können das Gesamtbild einer Jahreszeit bestimmen. Eine ähnliche Entwicklung gab es im Frühwinter 2009/2010- auch zum Dezemberbeginn 2010 ( jeder weiß, wie es war) sank der Index der AO, so auch der der NAO deutlich ab. Die NAO beschreibt die Druckverhältnisse zwischen dem subtropischen Azorenhoch und dem gewöhnlichen, isländischen Tiefdruckgebiet. Die Arktische Oszillation beschreibt ähnliches- die Verhältnisse zwischen der Arktis und der mittleren Breiten. Ist die Arktische Oszillation positiv, so ist der Luftdruck in arktischen Breiten niedrig, über den mittleren Breiten hoch. Ist sie negativ, ist das Gegenteil der Fall.
Es ist bekannt, dass sowohl negative AO als auch NAO Kaltlufteinbrüche im Winterhalbjahr erheblich begünstigen. Ende November 2009 fiel die Kurve des AOi deutlich ab ( zumindest die Mehrheit der Member)- als Folge gab es dann eine schleichende, aber nachhaltige Umstellung der Großwetterlage. Nur wenige Wochen später kam es dann zum ersten, aber nachhaltigen und durchgreifenden Wintereinzug. Hier wurden bereits die Weichen für den Winter gestellt. Interessant ist auch die Druckverteilung auf der Nordhalbkugel vor europäischen Kalt/ Mildwintern. Pickt man sich die Monate vor mehreren Kaltwintern sowie Mildwintern heraus und erstellt eine Grafik ( das ist hier möglich: http://www.esrl.noaa.gov/psd/data/gridd ... eanV2.html), vergleicht das ganze dann mit der gegenwärtigen Situation, so ähnelt das Bild insgesamt eher der Situation vor zahlreichen Kaltwintern ( insbesondere Ähnlichkeit zu 1962 sowie 2010)- hoher Luftdruck über Grönland, Island sowie negative Abweichungen in Zentraleuropa. Vor Mildwintern sieht diese Situation in den vorherigen Monaten völlig gegenteilig aus- auch 2011/2012 fällt in diese Kategorie: tiefer Luftdruck Island.
Vernachlässigbar ist zurzeit eher die Betrachtung der Sonnenflecken- auch wenn ein Maximum bevorsteht, tut sich derzeit nicht sehr viel. Hinweise auf ein deutliches Minimum oder auch Maximum in naher Zukunft liegen nicht vor.
Die Statistik ( an die sich das Wetter nicht hält- Ausnahmen bestätigen die Regel) spricht derzeit eher für einen milden Winter 2012/2013, denn häufig folgten auf eine Aneinanderreihung von Kaltwintern eben mildere. Soviel dazu.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die gegenwärtige! Situation, nicht die Statistik jedoch eher für einen Kaltwinter spricht. Ich rechne mit einer Umstellung der Großwetterlage mit Fahrplan "Winter" jedoch erst im Dezember- die NAO sinkt schließlich erst Ende November ( aktueller Stand) deutlich ab. 2009 war es ähnlich, die eigentliche Umstellung folgte bekanntlich erst zwei Wochen später. Bis dahin wird die Westwinddrift wohl mehr oder weniger aktiv bleiben- zur kommenden Woche ist es aber nicht ganz so zyklonal, eher hochdrucklastig... aber tagsüber zweistellig. Naja: In Kurzform nochmals die angegebenen Gründe für diese Annahmen bzgl. Kaltwinter:
- zum Monatsende abstürzende NAO- meist sind solche Sinkflüge durchaus von Nachhaltigkeit. Diese Tatsache lässt Kaltlufteinbrüche nach Mitteleuropa deutlich wahrscheinlicher werden als bei einem positiven NAOi
- ähnliches Bild bei der Arktischen Oszillation- mehrheitlich mit gleicher Wirkung
- auch die deutlich fortgeschrittene Abkühlung der See bei den Britischen Inseln, aber auch der Nordsee hat zwar keinen sehr großen Einfluss, ist aber nicht von Nachteil.
- Vergleiche: Druckverteilungen vor Kalt/Mildwintern: in diesem Fall klare Ähnlichkeiten zu Kaltwintern!
- keine La-Nina Bedingungen mehr, es geht in Richtung schwacher El Nino... zurzeit neutrale Bedingungen. Da schwach, wird er sich wohl kaum auswirken, ist aber natürlich kein Argument gegen „ kühlende Auswirkungen“.
- vergleicht man die November vor Kaltwintern mit denen der eher milderen, so stellt man fest, dass Kaltwintern mehrheitlich ein eher milder, letzter Herbstmonat voranging. Das jüngste Beispiel: 2009. Auch hier bestätigen einige Ausnahmen wieder die Regel. Wurde es im November dagegen bereits früh kalt, so stellte sich die Großwetterlage nach kurzem Einbruch wieder um, der Polarwirbel regenerierte sich zum Monatsende ( meist herrschten hier La Nina-Bedingungen) – ein Winter hatte bereits ausgedient.
Abweichungen vom langjährigen Mittel will ich hier nicht nennen, das wäre eben nichts anderes als zu raten. Aber wie gesagt: das Gesamtbild spricht aufgrund der genannten Umstände für einen Kaltwinter. Es ist nur eine Einschätzung, die auf einzelnen Fakten, aber auch Vergleichen basiert- keine Prognose. Schließlich ist letztere völlig unmöglich, aber das haben wir ja schon eingangs alles durchgekaut.
Unter gegebenen Umständen wird/werden hier Update(s) folgen! Die Diskussion ist eröffnet!
Schönen Samstagabend jetzt noch,
Norddeutscher








